EVENT-TOPTIPP: KALTER WEISSER MANN – eine Trauerfeier liefert heiteren Diskussionsstoff & 1 x 2 Frei-karten für die Vorstellung am 26.04.2026 im CasaNova Vienna!
Text: Andrea Beckert, Fotos: Robert Peres
Wien, 22.01.2026. Mittwochabend, dem 21. Jänner 2026, feierte im CasaNova Vienna eine temporeiche Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenja-kob ihre umjubelte Premiere: „Kalter weißer Mann“
Zugegeben, wer geht schon gerne zu einem Begräbnis, wenn es nicht unbedingt sein muss? Doch in diesem Fall – „Kalter weißer Mann“ – dürfen Theaterbesucher*innen gerne mal eine Ausnahme machen. Die Kabarett-Bühne im 1. Wiener Gemeindebezirk verwandelte sich in einen Aufbahrungsraum, in dem ein unglücklich formulierter Text auf einer Trauerkranzschleife für reichlich Zündstoff für hitzige Wortgefechte über korrektes Gendern, Sexismus und politische Korrektheit sorgte. Prädikat: Witzig! |
Inhalt:
Ort, Zeit: Ein Aufbahrungsraum, heute.
Wolfhardt Steininger, Patriarch der mittelständischen Firma „Feinwäsche Steininger“, der mit drei seiner Sekretärinnen verheiratet war, ist mit stolzen 94 Jah-ren friedlich entschlafen. Sein designierter Nachfol-ger Hubert Zacherl richtet für das Unternehmen die Trauerfeier aus. Während er sich auf seine Rede vor-bereitet, treffen der Pfarrer und weiter Kolleg*innen ein. Die Trauerfeier soll ein würdevoller Abschied werden, schließlich hat der Nachfolger in spe alles minutiös geplant. Doch der Text auf der Kranzschlei-fe sorgt für heftige Irritation: „In tiefer Trauer. Deine Mitarbeiter“. Die weibliche Belegschaft fühlen sich ausgeschlossen. Schnell hat Hubert, der neue „alte weiße Mann“ an der Spitze, nicht nur seine Marke-ting-Leiterin Alina Bernreiter, den Social Media-Chef Kevin Pospischil und seine langjährige Sekretärin Doris Schuster, die den Aufbahrungsraum liebevoll dekoriert und unbedingt bei der Trauerfeier singen möchte, gegen sich, sondern auch die sehr selbstbe-wusste Praktikantin Emma Kernstock. Sie hat ein Pro-blem mit dem Trauerspruch: „Nur Arbeit war Dein Leben.“, weil der „irgendwie für eine total toxische Work-Life-Balance“ steht. Der sonst geduldige Pfarrer versucht indes verzweifelt, die 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu durchzugehen. Er findet die Debatte wie Schnee von gestern: „Sexismusvorwürfe hören wir in der Kirche seit 2.000 Jahren.“ Nicht einmal der Pfarrer kann die Wogen glätten.
Schnell wird der eigentlich traurige Anlass zur Ne-bensache. Vor dem Theaterpublikum als versammel-ter Trauergemeinde zerfleischt sich in dem pointier-ten Stück schließlich die Führungsetage der Firma immer mehr. Eine hitzige Debatte über Genderstern- |
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chen, Sexismus und Political Correctness entbrennt. Was darf man heute noch sagen? Leiten Männer oder Frauen einen Betrieb besser? Wie soll man mit einem durch ein Posting mit politisch inkorrekter Wortwahl ausgelösten Shitstorm umgehen? Marcus Strahl: „„Kalter weißer Mann“ bezieht keine Stellung, sondern spielt virtuos mit allen aktuellen Aufregerthemen, bringt alle Argumente zusammen und will Mut machen, sich bei allen Kontroversen und Konflikten, Positionen und Meinungsverschie-denheiten besser zuzuhören, aufmerksam und re-spektvoll miteinander umzugehen … und vielleicht sogar voneinander zu lernen.“
Fazit über die Premiere:
Das scharfzüngige und aktuelle Stück „Kalter weißer Mann“ stammt aus der Feder von den beiden Auto-ren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Die über-wiegend kurzweilige Komödie mit Tiefsinn themati-sierte neben der Genderthematik auch Machtmiss-brauch, Rassismus, Sexismus, Body-Shaming, Me-Too sowie die Herausforderungen im Umgang mit digitalen Medien.
Unter der gelungenen Regie von Neue Bühne Wien-Intendant Marcus Strahl (plus Raumkonzept) geriet die Trauerfeier auf humorvolle Weise völlig außer Kontrolle. Seine Inszenierung begeisterte durch Tempo und Witz. Petra Teufelsbauer sorgte mit der Kostümgestaltung dafür, dass die Schauspieler*in-nen dem traurigen Anlass angemessen gekleidet wa-ren. Für das sparsame Bühnenbild zeichnete Martin Gesslbauer verantwortlich.
Das vortreffliche Ensemble lieferte einen rasanten Schlagabtausch. Unglaublich authentisch mimte Reinhard Nowak die Rolle des Geschäftsführers in |
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spe Hubert Zacherl, der sich als neuer „alter weißer Mann“ nahezu in Rage redete und sich mit Händen und Füßen gegen Gendern und den Zeitgeist wehrte. Adriana Zartl, die kurzfristig vor der Premiere für die verletzte Verena Scheitz einsprang, wurde für ihre eindrucksvolle Darstellung der taffen Marketing-Lei-terin Alina Bernreiter mit viel Applaus bedacht. Ein besonderes Vergnügen war es, Publikumsliebling Claudia Rohnefeld in der Rolle der langjährigen Se-kretärin Doris Schuster zu beobachten, Sie entwi-ckelte sich im Verlauf des Stücks von einer naiven Mitarbeiterin zu einer engagierten Verfechterin der Gleichberechtigung von Frauen. Alexander Hoffelner stellte überzeugend den Social Media-Chef Kevin Pospischil dar. Michelle Catherine Härle schlüpfte in die Rolle der sehr selbstbewusste Praktikantin Emma Kernstock, ebenfalls eine Influencerin, für die poli-tisch unkorrektes Verhalten lediglich „Cringe!“ ist. Hubert Wolf verkörperte hervorragend Pfarrer Her-bert Eberwein, dem der ganze Gender-Wahnsinn und die ständig streitende Trauergesellschaft zur Weiß-glut brachte.
Mit lauten Lachern und langem Applaus wurde das gesamte Team für diesen äußerst amüsanten Pre-mierenabend von „Kalter weißer Mann“ gewürdigt.
UNISEX-Bewertung:
4,5 von 5 Gendersterne bzw. 4,5 von 5 Punkte
Tipp:
Wenn Sie dem verstorbenen Wolfhardt Steininger auch die letzte Ehre erweisen bzw. die Komödie „Kalter weißer Mann“ sehen möchten, dann finden Sie weitere Informationen und alle (Tournee-)Ter-mine unter www.nbw.at. |