Inhalt:
Leyla und Joel feiern Hochzeit. Ein Standesbeamter leitet die Zeremonie, das Publikum, die Gemeinde, steht für den Einzug des Brautpaares auf, der Bräuti-gam hat seine Gelübde gehalten, die Braut will ge-rade ihres halten. Ein Schauspieler unterbricht die Szene und tritt vors Publikum: „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Wir beginnen in Kürze. Bevor wir anfangen, möchte ich betonen, wie sehr wir Ihre Anwesenheit hier und heute schätzen. Wir sind uns des Risikos bewusst, das jeder einzelne von Ihnen eingegangen ist, und wir begrüßen Ihren Mut. Diese Aufführung wird ohne Genehmigung des Ministeri-ums gezeitgt. Diejenigen, denen das nicht bewusst war, sollten jetzt besser gehen.“
Im Büro des Kulturministeriums: Der Standesbeamte entpuppt sich als Herr Čelik, ein kunstsinniger Leiter des Kulturministeriums, der erstaunliches Verständ-nis für begabte junge Autoren zeigt, statt sie der Zensurbehörde auszuliefern, die Braut als seine neue Sekretärin Mei, der Bräutigam als Adem, ein junger Mann, der vorgeladen wurde, um sein erstes selbst-geschriebenes Theaterstück zu erklären, in dem er die Welt, in der er lebt, widerspiegelt, und der Trau-zeuge als Bax, ein Regime freundlicher Dramatiker.
Čelik versichert Adem, dass er Potenzial hat. Nun muss Adem nur noch lernen, die Welt mit „schönen“, inspirierenden Stücken zu bereichern, statt sie mit hässlichen Wahrheiten zu konfrontieren. Dazu wird Bax, ein erfolgreicher Autor des Regimes, an Bord geholt und die neue Büromitarbeiterin als Schau-spielerin eingeteilt. Oder ist alles ganz anders?
Nun nehmen zahlreiche Überraschungen und Wen-dungen ihren Lauf ... die Lage spitzt sich zu … bis es zum wirklich unerwarteten Ende kommt.
Fazit über die Premiere:
Sam Holcrofts Stück „Spiegel“ war auf mehreren Ebe-nen faszinierend, verworren und aufrührerisch. Die zahlreichen unerwarteten Wendungen sorgten dafür, |
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dass die Spannung bis zum überraschenden Ende er-halten blieb.
Die fesselnde Inszenierung von Regisseur Gerhard Werdeker überzeugte durch vielen Details und präzi-se platzierte witzigen Pointen. Mit
wenigen Handgrif-fen der Schauspieler*innen verwandelte sich die Büh-ne von J-D und Samuel Schwarzmann in unterschied-liche Schauplätze. Zum gut eingespielten Kreativ-team gehörten weiters Anna Pollack (Kostümbild), Tom Barcal (Licht) und Nicole Metzger (Dramaturgie). Die Übersetzung stammte von Lucas Rosenstengel.
Das sechsköpfige Ensemble bot durchgehend eine brillante Leistung. Paul Wiborny lieferte als Beamter Čelik ein äußerst beeindruckendes Porträt eines widersprüchlichen Mannes ab, der sich für junge Künstler einsetzt und zugleich aber autoritäre Züge zeigt, er wirkt charmant und zugleich unheimlich, erscheint überheblich, ist jedoch auch zerbrechlich sowie rücksichtslos und gleichzeitig romantisch. Paul Graf schlüpfte in die Rolle des Bräutigams Joel, der sich später als Automechaniker Adem entpup-pte. Seine Figur ist davon überzeugt, dass sie zum Missfallen des Beamten Čelik über echte Menschen, die sich nicht den Forderungen der Autoritäten beu-gen wollen, schreiben muss. Der junge, talentierte Schriftsteller schreibt sein erstes Theaterstück und gibt die grausamen Kriegserlebnisse und Dialoge originalgetreu wider. Großartig war Anna Zöch in ihrer Rolle, die zuerst die fröhliche Braut Leyla gab und sich dann als Čeliks junge, naive, verklemmte Sekretärin Mei, die nur langsam ihre romantischen Gefühle für Adem zeigt, herausstellte. Adrian Sto-wasser verwandelte sich vom Trauzeugen zum selbstbewussten Striftsteller, der jedoch innerlich unter Selbstzweifeln leidet. Zur Besetzung gehörten außerdem Samuel Schwarzmann (Dana Proetsch: 07., 08., 21. & 22.11) als Hochzeitsgast und J-D Schwarz-mann als leitender Beamter.
Der spannende Politthriller voller schwarzem Humor vermittelt eine starke Botschaft und regt dazu an, |
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über die wichtige Bedeutung der Meinungsfreiheit nachzudenken und zu diskutieren.´
Über die Autorin Sam Holcroft:
Samantha Holcroft ist in Schottlang geboren, kam nach ihrem Biologie-Studium über das Student*in-nentheater zum Schreiben. Zu ihren Theaterstücken gehören: „Cockroach“, „Edgar & Annabel“, „While You Lie“, „Rules for Living“, „Mirror“ und viele mehr. 2013 schrieb sie ein Opernlibretto für das Festival d'Aix en Provence (Musik: Vasco Mendoza).
2009–10 war sie Writer-in-Residence am Traverse Theatre und 2013–14 am National Theatre Studio. Die junge britische Autorin wurde 2009 mit dem prestigeträchtigen Tom Erhardt-Preis ausgezeichnet und gewann 2014 den renomierten Windham Camp-bell Literatur-Preis in der Kategorie Drama.
Die britische Dramatikerin war mit ihrem Schriftstel-lerkollegen Alaszair Blyth (1980 – 2024) verheiratet und hat zwei kleine Töchter.
Über das Stück „Spiegel“:
„Spiegel“ ist ein Stück im Stück im Stück im…, in de-nen nichts so ist, wie es scheint. Die Handlung spielt in einer Welt, in der Lüge und Wahrheit kaum noch unterscheidbar sind. In einem totalitären Staat muss jedes Kunstwerk erst durch die Zensurbehörde ge-nehmigt werden. In 140 Minuten (ohne Pause) wird alles hinterfragt: Was ist die Realität? Ist die Wahrheit eine Lüge? Und kann eine Lüge die Wahrheit sein? Wie würde das Leben ohne Meinungsfreiheit ausse-hen? Sind wir wirklich frei?
UNISEX-Bewertung: 4,5 von 5 Punkte
Spiegel
29.10. (Premiere) – 01., 05. – 08., 11. – 14., 19. – 22.11.25, Theater Spielraum
Kaiserstraße 46, 1070 Wien
www.theaterspielraum.at |